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Kopfkino statt Faktenkatalog: Warum Falschinformationen ein Problem der Ereigniskognition sind

Silhouetten mehrerer Köpfe

3.11.2026

IWM-Forschende entwickeln neue Perspektive

Warum beeinflussen Falschinformationen unser Denken manchmal selbst dann noch, wenn sie längst widerlegt wurden? In der psychologischen Forschung galt dieses Phänomen bislang meist als unvollständiges Wissens-Update im Gedächtnis. In einem neuen Beitrag in der Fachzeitschrift Perspectives on Psychological Science schlagen Prof. Dr. Markus Huff, Dr. Helen Fischer und Jan Pascal Göbel aus der IWM-Arbeitsgruppe Wahrnehmung und Handlung, einen Perspektivenwechsel vor: Sie betrachten Falschinformationen aus dem Blickwinkel der Ereigniskognition.

Ereignisgrenzen: Wie das Gehirn Informationen in Szenen unterteilt

Unser Denken erlebt die Welt nicht als endlosen Datenstrom, sondern gliedert Geschehnisse automatisch in Sinnabschnitte – ganz ähnlich wie einzelne Szenen in einem Film. An den Übergängen zwischen solchen Szenen, den sogenannten Ereignisgrenzen (etwa bei Orts-, Zeit- oder Handlungswechseln), schließt das kognitive System eine Episode ab und legt sie im Gedächtnis ab.

Das beeinflusst, wie Korrekturen verarbeitet werden: Erreicht uns eine Richtigstellung, während eine Szene noch läuft, lässt sie sich direkt einarbeiten. Erfolgt sie jedoch erst nach einer Ereignisgrenze – wenn die Episode mental bereits archiviert ist –, muss das Gehirn die vergangene Szene nachträglich wieder öffnen, umbauen und neu bewerten.

Mehr als Fakten: Was in einer mentalen Szene steckt

Innerhalb einer solchen Szene speichert das Gedächtnis keine isolierten Einzelaussagen, sondern konstruiert dynamische mentale Ereignismodelle. Sie verknüpfen mehrere Dimensionen gleichzeitig: Wer handelt? Mit welchen Absichten und Motiven? Wo, wann und mit welchen Folgen?

Eine Falschinformation prägt oft das gesamte Szenenmodell, indem sie Akteur*innen bestimmte Absichten zuschreibt. Wird später nur ein Sachdetail korrigiert, bleibt das übergeordnete Modell der Situation meist stabil bestehen.

„Ereignismodelle sind ganzheitliche Simulationen eines Geschehens. Unser kognitives System verlangt nach einer in sich geschlossenen Episode. Korrekturen setzen jedoch häufig nur auf der Ebene isolierter Einzelheiten an. Sie streichen ein Detail, lassen aber das übergeordnete Handlungsmodell unberührt. Eine Richtigstellung greift erst dann nachhaltig, wenn sie das gesamte Gefüge aus zeitlicher Einbettung, Motiven und Handlungen neu ausrichtet“, erläutert Markus Huff.

Relevanz für digitale Medienformate

Mit ihrem theoretischen Rahmen verbindet das Forschungsteam die Grundlagenforschung zu Wahrnehmung und Gedächtnis mit der Desinformationsforschung. Der Ansatz liefert neue, überprüfbare Vorhersagen für künftige Studien – insbesondere für audiovisuelle Online-Medien, in denen Informationen primär als dynamische Geschichten vermittelt werden.

Mit der Rolle von Erzählungen für Denken und Erinnern beschäftigte sich Markus Huff auch in seinem Vortrag im Studium Generale der Universität Tübingen. Zur IWM-News „Warum Geschichten überzeugen“


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